turbobrain

kulturkritik des abendlandes

Ich bin ja schon immer ein heim­li­cher Ver­eh­rer der Kunst von Terry Prat­chett. Mit sei­nem neuen Buch hat er es hin­be­kom­men, dass ich zum unheim­li­chen Ver­eh­rer gewor­den. Die Rah­men­hand­lung ist schnell beschrie­ben: ein Gau­ner namens Feucht von Lip­wig (allein schon für seine Namen muss man Prat­chett [und sei­nen Über­set­zer, Andreas Band­horst] lie­ben!) wird von Lord Veti­nari … über­re­det, Post­mi­nis­ter zu wer­den um das marode Post­we­sen wie­der flott zu machen — denn gegen die Über­macht des neuen Kla­ckers (einer Art Tele­graph mit Sema­pho­ren) könne nur ein noto­ri­scher Betrü­ger beste­hen. Erste Erfolge wer­den errun­gen, auch stellt sich her­aus, dass der Kla­cker oder »der große Strang«, in der fes­ten Hand von noch grö­ße­ren Betrü­gern ist: Finanz­in­ves­to­ren haben die guten Idee den Erfin­dern abge­presst und wirt­schaf­ten sie nun her­un­ter, um ihren eige­nen Pro­fit zu maxi­mie­ren. Mit Hilfe der Göt­ter, sei­nem erwa­chen­den Glau­ben an das Gute und nicht zuletzt der Liebe einer Frau (naja, oder so ähnlich …) wen­det Feucht schließ­lich alles zum Guten.

Was das Buch fas­zi­nie­rend macht, sind die vie­len klei­nen Anspie­lun­gen und Ver­glei­che: der »große Strang« steht mal sinn­bild­lich für das Inter­net, das Tele­ga­phen­sys­tem oder die »Matrix«, in der sich die See­len der im Dienst umge­kom­me­nen Klacker-Operatoren tum­meln und im »Over­head« der Nach­rich­ten von einem Ende des Strangs und zurück geschickt wer­den. Auch Hacker und deren Slang feh­len nicht. Ganz gro­ßes Kino ist aber, wie Prat­chett das Geld­sys­tem erklärt. Der Chef der Kre­dit­bank, Herr Käse­burg, hatte mit dem Haupt­bö­se­wicht gemein­same Sache gemacht. Die Bank ist pleite. Oder? Lest selbst:

Erst gegen Mor­gen­grauen tra­fen seriöse Män­ner ein. Sie waren älter, dicker und bes­ser geklei­det — aber nicht auf­fäl­lig, nie auf­fäl­lig — und beweg­ten sich mit dem Ernst ech­ten Gel­des. Sie waren Finan­ciers, rei­cher als Könige (die oft recht arm waren), aber in der Stadt kannte sie kaum jemand außer­halb ihres Krei­ses, und in den Stra­ßen wären sie gar nicht auf­ge­fal­len. Sie spra­chen leise mit Käse­burg, als hätte er einen schmerz­li­chen Ver­lust erlit­ten, und anschlie­ßend spra­chen sie unter­ein­an­der, schrie­ben mit gol­de­nen Dreh­bei­stif­ten in kleine Notiz­bü­cher, lie­ßen Zah­len tan­zen und durch Reife sprin­gen. Dann wurde eine stille Überein­kunft getrof­fen, und Hände wur­den geschüt­telt, was bei die­sen Leu­ten weit­aus mehr bedeu­tete als ein unter­schrie­be­ner Ver­trag. Der erste Domi­no­stein stand wie­der still. Die Säu­len der Welt zit­ter­ten nicht mehr. Am Mor­gen würde die Kre­dit­bank öffnen und die Gehäl­ter bezah­len. In der Stadt würde wei­ter­hin das Geld flie­ßen. Sie hat­ten Ankh-Morpok mit Gold geret­tet, und viel leich­ter als irgend­ein Held mit Stahl. Aber eigent­lich war es gar kein Gold gewe­sen, nicht ein­mal das Ver­spre­chen von Gold, son­dern eher die Vor­stel­lung von Gold, der zau­ber­hafte Traum davon dass Gold da ist, am Ende des Regen­bo­gens, und dass es auch wei­ter­hin da sein wird, vor­aus­ge­setzt natür­lich, man geht nicht hin und sieht nach.

Bevor jetzt Mecke­reien von den »ech­ten« Fans kom­men: ja, ich werde mir das Buch gleich noch­mal kau­fen, auf eng­lisch. Gene­rell lohnt es sich ver­mut­lich, die Bücher öfter zu lesen, um mehr von die­sen Geschich­ten in der Geschichte mit­zu­be­kom­men. Ach ja: mor­gen abend kucke ich »Mort« als Thea­ter­stück in Hamburg.

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