turbobrain

kulturkritik des abendlandes

Heute mor­gen musste ich mich ziem­lich über eine ver­bit­terte ältere Dame auf­re­gen. Doris Les­sing hat in ihrer Nobel­vor­le­sung (die sie aus gesund­heit­li­chen Grün­den nicht selbst vor­tra­gen konnte) gleich mehr­fach deut­lich gemacht, dass sie wohl einige Ent­wick­lun­gen der letz­ten knapp 50 Jahre nicht mehr ganz ver­stan­den hat.

Sie pran­gert an:

Die Kin­der wis­sen immer weni­ger über die Welt in der sie leben, weil sie zu wenig lesen.
Ich würde lügen, wenn ich nicht der Ansicht wäre, dass Lesen bil­det. Ich habe immer viel gele­sen und halte immer noch einen Schnitt von zwei bis drei Büchern pro Woche. Aber: es gibt andere Medien, die sinn­voll ein­ge­setzt, genauso viel zur Bil­dung bei­tra­gen kön­nen wie ein Buch. Man­che Zusam­men­hänge wer­den durch Bil­der, O-Ton oder Sche­mas trans­pa­ren­ter, als durch einen Roman.

Men­schen ver­brin­gen den Tag mit dem Inter­net und sei­nen Belang­lo­sig­kei­ten (wie blog­gen oder blug­gen).
Es gibt recht viele Men­schen, die es schaf­fen, ihr gan­zes Leben mit Belang­lo­sig­kei­ten zu ver­brin­gen ganz ohne dafür zwin­gend das Inter­net zu benö­ti­gen. Und sicher­lich gibt es ein paar Internet-Junkies. Der über­wie­gende Rest der Internet-Nutzer tut genau das: es nut­zen. Und selbst belang­lose Blogs sind mei­ner Ansicht nach der demo­kra­ti­schen Bil­dung zuträg­li­cher als pas­siv kon­su­mierte Boulevard-Zeitungen. Dass nicht in jedem ein Tucholsky steckt: geschenkt.

Sie ver­misst in der west­li­chen Zivi­li­sa­tion den »Hun­ger nach Büchern«.
In der Rede beschreibt sie in fast rühr­se­li­ger Weise, wie wert­voll in der drit­ten Welt Bücher sind. Ich bestreite dies auch nicht. Auch bewun­dere ich ihr Enga­ge­ment, Bücher dort­hin zu schaf­fen. Aber: Den unter­stell­ten Gegen­satz, näm­lich, dass der west­li­che Kul­tur­kreis Bücher nicht mehr zurei­chend schätzt, sehe ich nicht. Wie­viele Bücher wer­den heut­zu­tage jähr­lich her­aus­ge­bracht (und ver­mut­lich zum Teil sogar gele­sen)? Wie­viele waren das zur Jugend­zeit von Frau Les­sing? Ich anti­zi­piere mal fol­gende Replik: »Ja, aber das waren damals sehr viel bes­sere Bücher, heut­zu­tage wird ja nur noch Schund gedruckt!« Jaja, frü­her war halt alles besser …


Hier muss ich noch etwas ein­schie­ben, quasi die Anti­these: Diese eine da aus dem lite­ra­ri­schen Quar­tett, Name tut nichts zur Sache, die mit der sich der Reich-Ranicki immer gezofft hat, irgend­eine Öster­rei­che­rin mit einem Besteck als Namens­be­stand­teil … äh — wo war ich?
Ach ja: Frau Löff­ler hat letzte Woche etwas ähnlich ver­schlüs­sel­tes gesagt, näm­lich, dass die Flut der Bücher heut­zu­tage es unmög­lich macht, noch halb­wegs hin­ter­her zu kom­men, es bleibe keine Zeit mehr, ein­zel­nen Wer­ken den ihnen gebüh­ren­den Respekt zu zol­len. Und das fin­det sie schade. Das Pro­blem ist halt, dass diese Leute etwas nicht ver­stan­den haben:

  • Ja, es wird immer ein­fa­cher, Bücher herauszubringen.
  • Ja, es wer­den immer mehr Bücher und immer weni­ger Buchhandlungen.
  • Ja, es ist sicher­lich auch viel Schund dabei (wobei ich ab und an auch gerne guten Schund lese …).
  • Ja, es kann ver­schie­dene Lite­ra­tu­ren geben, auch sol­che, die alte Kri­ti­ker nicht verstehen.
  • Ja: wenn Lite­ra­tur­kri­ti­ker nicht mehr mit­kom­men, wird sich viel­leicht auch die Kri­tik demo­kra­ti­sie­ren: Ama­zon und andere Online-Händler (sic!) zei­gen mit Bewer­tungs­sys­te­men sehr ein­drucks­voll, wie das geht.

Und das ist viel­leicht die Angst, die hin­ter sol­chen — sorry Frau Löff­ler — schwach­sin­ni­gen Kampf­the­sen steckt: über­flüs­sig zu wer­den. Davor hat jeder Angst, und dann beschwört man schon gerne mal seine eige­nen Glanz­zei­ten (siehe dazu unten auch wei­ter beim Stich­wort Baggy-Pant).
Noch ein Neben­satz zur Auf­merk­sam­keit für Bücher: es gibt wel­che, die im Inter­net von ihren Fans regel­rechte Schreine erhal­ten — das sind in der Regel nicht sol­che, die von renom­mier­ten Kri­ti­kern rezen­siert wurden.

Ältere Leute begrei­fen erst, wenn die mit jün­ge­ren reden, wie sehr lesen bil­det.
Es ist es extrem unfair, von einem Her­an­wach­sen­den zu erwar­ten, dass er genauso viel weiß, wie jemand der bereits eini­ges erlebt hat. Dabei geht es aber weni­ger um ange­le­se­nes, lexi­ka­li­sches Wis­sen, son­dern um Lebens­er­fah­rung, die sich ganz wesent­lich dadurch bil­det, dass man in der Lage ist, Infor­ma­tio­nen sinn­voll zu ver­net­zen. Sicher­lich trägt lesen dazu bei, sol­che Ver­net­zun­gen zu schaf­fen, aber Fernseh-Reportagen, Wiki­pe­dia und Gesprä­che mit Mit­men­schen eben auch. Wer nur Bücher liest, den würde ich als Autis­ten bezeich­nen, nicht als gebil­de­ten Menschen.

Mein Opa war auch immer betrof­fen, weil ich nicht alle Flüße Bay­erns auf­sa­gen konnte, weil wir es schlicht­weg in der Schule nicht mehr aus­wen­dig ler­nen muss­ten. Wozu auch, es gibt ja Atlan­ten, in denen man nach­schauen kann? Irgend­wie hat er aber gefühlt, dass es heute andere Prio­ri­tä­ten in der Bil­dung gibt: unsere Welt ist deut­lich kom­ple­xer als die mei­nes Großvaters.

Und noch ein Blick in die Ver­gan­gen­heit der Frau Les­sing (ok, in die Zeit, als sie auf­ge­wach­sen ist): Da wur­den die Kin­der durch auto­ri­täre Schul­sys­teme gezwun­gen, bestimmte Texte zu lesen — und haben ver­mut­lich danach nie wie­der gele­sen. Eine klit­ze­kleine Elite durfte mehr ler­nen, der Rest war eh´ ein Fall für die Fabrik oder den Herd. Man könnte jetzt einen Fort­schritt kon­stru­ie­ren: immer­hin lesen die Leute heut­zu­tage leicht ver­dau­li­che, weil vor­ge­kaute Schlagzeilen-Häppchen … ok, das ist nicht wirk­lich bes­ser. Aber halt auch nicht schlech­ter als damals.

Schließ­lich: es ist defi­ni­tiv »out« über nach­fol­gende Gene­ra­tio­nen zu kon­sta­tie­ren, diese taug­ten weni­ger als die eigene. Der Drang zum Läs­tern ist ver­ständ­lich — ich finde zum Bei­spiel Baggy-Pants wirk­lich extrem albern — aber über das, was ich mit 16 getra­gen habe, hat die Geschichte bereits ihr gerech­tes Urteil gefällt. Und über das, was ich damals gedacht habe sowieso.

Noch ein biss­chen O-Ton:

Wie wer­den wir uns, wie wird sich unser Geist ver­än­dern durch die­ses neue Inter­net, das eine ganze Gene­ra­tion mit sei­nen Belang­lo­sig­kei­ten ver­führt hat, sodass selbst eini­ger­ma­ßen ver­nünf­tige Leute zuge­ben, dass man sich nur schwer los­rei­ßen kann, wenn man ein­mal süch­tig ist, und es sein kann, dass auf ein­mal ein gan­zer Tag mit Blog­gen und Blug­gen und so wei­ter ver­gan­gen ist.

Nach­trag 12.12.2007: Eine Nacht dar­über geschla­fen habend ver­stehe ich, warum ich mich über­haupt auf­rege: Wenn ein Bild-Leser so etwas geschrie­ben hätte, würde mich das nicht jucken. Wenn dage­gen ein Mensch, den ich nor­ma­ler­weise für sein Nach­den­ken sehr schätze …

1 Kommentar

  1. Tja, Frau Lessing | turbobrain:

    […] ver­lin­ken: Track­back­link | Tags: aufreger, doris les­sing Ich hab es ja gleich gesagt: Inter­net­su­che regt mehr Hirn­funk­tio­nen an als Bücher­le­sen, so titel Golem. Diese Icons […]


 

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