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kulturkritik des abendlandes

Archiv: second life

Also ich per­sön­lich kann ja weder den »MMPOGs« noch dem »Second-Life« viel abge­win­nen. Ich kenne aber sowohl die einen (meine First-Life-Frau zockt doch recht gerne WoW), als auch die ande­ren (die es lie­ben, gemein­sam etwas zu bauen, die spre­chen sogar von Kunst und das würde ich gar nicht mal ver­nied­li­chen und lächer­lich machen wol­len). Als Men­schen sind das jeden­falls alles rela­tiv nor­male Leute, die mit bei­den Bei­nen fest im Leben stehen.

Ich sel­ber tue mich halt eher schwer, in Rol­len zu schlüp­fen oder Ziele zu errei­chen, die vir­tu­ell sind. Ein fort­ge­schrit­te­ne­res »Second-Life« (mit ver­nünf­ti­ger Spra­che, Ges­ten– oder zumin­dest Mimi­ker­ken­nung …) würde mich aber begeis­tern kön­nen, da ich den Ansatz, belie­bige Objekte bauen zu kön­nen und »sich-online-mit-Freunden-treffen-um-gemeinsam-etwas-zu-tun-was-so-nicht-möglich-wäre-weil-zu-weit-weg« schon attrak­tiv finde. Das hätte auch nichts vir­tu­el­les mehr, son­dern erfüllt ganz reale Bedürf­nisse. Bereits heute gibt SL eben nicht nur die »echte« Welt wie­der, son­dern ich kann dort alles bauen, was meine Phan­ta­sie her­gibt — sogar Raum­schiffe wur­den wohl schon gese­hen (erwähnte ich, dass ich ein­klei­ner SF-Junkie bin?).

Und was das Tref­fen angeht: Freunde von mir sind vor zwei Mona­ten nach Weit-Weit-Weg gezo­gen. Ich bin fast sicher, dass das »Kon­takt­hal­ten« ein­fa­cher wäre, wenn es einen Platz geben würde, wo man sich online tref­fen kann — was »real« ca. zwei Tage und 300 Euro kos­ten würde. E-Mail und Tele­fon erset­zen das »Zusam­men­sein« ein­fach nicht. Blogs, Chats und Picasa-Alben hel­fen, füh­len sich aber auch eher an wie Krü­cken. Und letzt­lich ist ein Second-Life nichts ande­res als alles vor­ge­nannte zusam­men, ergänzt um viel­leicht eine nette Gra­fik (dass die nicht unbe­dingt so toll sein muss, habe ich an ande­rer Stelle schon mal geschrieben).

Was die Zukunft angeht: ich bin sicher, dass das Thema »vir­tu­elle Wel­ten« ein ähnli­ches Poten­zial hat, wie das WWW. Wohl­ge­merkt: ich spre­che von »vir­tu­el­len Wel­ten« und nicht von »Second-Life«.

Ich kann mich sehr gut erin­nern, als Com­pu­serve, AOL oder mei­net­we­gen auch BTX/T-Online ange­fan­gen haben:

  • vom Internet-Urgestein (E-Mail mit Pine, News­goups, Gopher und so …) belächelt
  • von der »Old-Economy« ignoriert
  • von der Presse gehy­pet und ver­teu­felt und
  • vom Couch-Potatoe mit »was soll ich mit dem Sch…« abgetan.


Die ers­ten WWW-Nutzer muss­ten sich auch lau­fend recht­fer­ti­gen, dass sie »bei die­sem Por­no­kram da« mit­ma­chen. Als sich das Thema dann lang­sam ent­wi­ckelte, waren denn auch Presse und selbst­er­nannte Kul­tur­kri­ti­ker schnell dabei, die Gefah­ren der Online­sucht zu kol­por­tie­ren, dar­über hin­aus die Ver­blö­dung der Jugend und über­haupt den Unter­gang des Abend­lan­des. Diese Hexen­jagd muss aber jedes Medium durch­ma­chen: dem Fen­se­hen ging es nicht anders und ich bin fast sicher, dass die ers­ten Bücher genauso ver­teu­felt wur­den.

Heute fin­det im WWW jeder was er braucht:

  • Fir­men wickeln Pro­zesse darin ab (und wären ohne nicht mehr konkurrenzfähig)
  • Zei­tun­gen & andere Medien sind online (und ver­die­nen dort schon fast so viel wie mit dem Papier)
  • die Kir­che und der Vati­kan haben auch ihre Niederlassungen
  • und die Couch-Potatoes, naja, für irgend­wen muss der ganze Online-Porno-Kram ja auch gemacht wor­den sein. Und neben­bei macht er eBan­king, kauft Kram bei Ama­zon, spart mas­sig Kohle beim Malle-Trip-buchen, schickt sei­nen gan­zen Kum­pels E-Mails mit lus­ti­gen Power­points und bas­telt an der Home­page für sei­nen Stopselclub.

Was ich sagen will: das WWW ist heute Infra­struk­tur, ohne geht es ein­fach nicht mehr. Es wurde am Anfang ebenso gehy­pet, belä­chelt, ver­teu­felt und ange­nom­men wie heute die »vir­tu­el­len Welten« — nur wenige haben erkannt haben, was »es« eigent­lich ist. Und es würde mich kein biss­chen wun­dern, wenn wir in fünf bis zehn Jah­ren Wel­ten wie die von Lin­den genauso selbst­ver­ständ­lich nut­zen wür­den, und zwar ohne, dass das Abend­land dabei unter­ge­gan­gen wäre.

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Ich habe mir ja schon an meh­re­ren Stel­len ein paar Gedan­ken zu den Mög­lich­kei­ten vir­tu­el­ler Wel­ten gemacht (u.a. hier und hier). Als ich vor einem hal­ben Jahr mal mit einem Kol­le­gen über Sinn und Unsinn von Second Life und Kon­sor­ten dis­ku­tiert habe, haben wir uns gefragt, warum Volks– und Betriebs­wirt­schaft­ler (hüs­tel, also die eher wis­sen­schaft­lich ori­en­tier­ten, that is) sich nicht mit Begeis­te­rung auf das Thema stür­zen: wo sonst hat man einen kom­plet­ten Wirt­schafts­kreis­lauf mit ech­tem mensch­li­chen Ver­hal­ten, hin­rei­chend gro­ßer Gesamt­heit und allen Merk­ma­len, die auch einen rea­len Kreis­lauf aus­ma­chen? Noch dazu, wenn man mit ver­gleich­bar gerin­gem Auf­wand an die Roh­da­ten kommt?

Scheint so, als hät­ten die Wis­sen­schaft­ler das mitt­ler­weile bei »EVE Online« getan:
http://myeve.eve-online.com/devblog.asp?a=blog&bid=518

Aus dem ziem­lich umfang­rei­chen PDF habe ich mir eine Gra­fik her­aus­ge­pickt, die mir inter­es­sant scheint: die Theo­rie vom »Gefälle« scheint sich hier zu bestä­ti­gen — es gibt wohl immer eine breite Masse an — ich nenne es mal »Kon­su­men­ten« und eine kleine Min­der­heit — ich nenne die hier mal »Entrepreneure« …

Danke an Golem für den Hinweis.

Ach ja, und: ganz nette Raum­schiffe, ich glaube, ich muss mir mal das Spiel genauer anschauen … wenn ich es rich­tig ver­stan­den habe, ist »EVE-Online« so etwas wie »Elite reloaded«.

Nach­trag im August 2009: es kom­men hier sehr viele Besu­cher von der Google-Bildersuche, die nach Raumschiff-Bildern gesucht haben. Klei­ner Service:

  • Risszeichnungs-Journal — mit vie­len Raum­schif­fen aus dem Perry-Rhodan-Universum
  • Aus­führ­li­che Abhand­lun­gen der Raum­schiffe in Star Trek gibt es hier und hier
  • Fas­zi­nie­ren­der Grö­ßen­ver­gleich aller bekann­ten Trivia-Raumschiffe aus diver­sen Fern­seh­se­rien und Science-Fiction-Filmen.
  • Ship­she­ma­tics kon­zen­triert sich auf Raum­schiffe aus Star Trek, der alten Kampfstern-Galactica-Serie, Baby­lob 5 und Batt­le­ship Yamato.
  • Ein David C. Muel­ler hat sich Gedan­ken gemacht, wie Raum­schiffe wirk­lich aus­se­hen müssten.

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… wobei das Wort »wert« mich ein bis­serl stört, wobei ich ja erst ger­lernt habe, dass Geld auch in der »ech­ten« Welt ein eher vir­tu­el­les Kon­strukt ist.

Jeden­falls hat einer der Inves­to­ren jetzt seine Anteile von 10 % für eine halbe Mil­li­arde ver­kauft, was hoch­ge­rech­net eben die 5 Mil­li­ar­den ergibt. Schon beein­dru­ckend. Was mich aber mehr erstaunt hat, dass Inves­to­ren angeb­lich ins­ge­samt bis­lang 19 Mrd. $ inves­tiert haben — was ich aber nicht ganz glaube.

Der hüb­sche Kerl da rechts bin übri­gens ich in der vir­tu­el­len Welt, die Wahr­schein­lich­keit, dass ich dort all­zu­oft anzu­tref­fen bin ist aber gering; das Poten­zial vir­tu­el­ler Wel­ten ist zwar aus mei­ner Sicht gigan­tisch, könnte sogar das WWW über­tref­fen, aber ich fühle mich immer in die Stein­zeit zurück­ver­setzt, also ich das WWW noch mit Mosaic besucht habe — unge­fähr auf dem Level bewe­gen ist Second-Life im Moment.

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